Neptun trifft Familie mit Helfersyndrom

Quelle: LR Online 13. Juli 2017

Halbendorf

Für Tausende Besucher ist das Neptunfest am Halbendorfer See immer im Juli ein fester Termin im Jahresverlauf. Das Fest zu stemmen, ist nur möglich, weil es solche liebenswert „halbendorf-verrückten“ Menschen gibt wie Familie Urbank.
Die Urbanks. Neptun kennt die Familie mit Helfersyndrom und Sprachfehler. Sie könnte nicht Nein sagen, erzählt der Meeresgott und reibt sich die Hände. „Das find‘ ich prima!“ Ohne Leute wie diese hätte er null Bock, aus dem Halbendorfer See aufzutauchen. Das Schöne sei. Sie machen darüber noch nicht einmal viel Gerede, packen einfach zu. Und Neptun hat erfahren, dass das auch bei allen anderen Veranstaltungen im Dorf so sei.

„Unseren Kindern ist es in die Wiege gelegt worden“, sagt Simone Urbank lachend. „Mutti lebt es vor. Wir hatten gar keine andere Chance“, kontert Andrea, mit 35 die Älteste der drei Kinder, humorvoll. „Sie hat uns mitgeschleppt, da waren wir noch ganz klein.“

Es ist ein Sonntagvormittag im Juli. Die Familie trifft sich mit Kind und Kegel, wie man so sagt, bei Urbanks im Haus zum Rouladenessen. Damit alles pünktlich auf dem Tisch steht, kümmert sich Simones Mann Bernd ums Kartoffelschälen und solche Dinge, derweil im Wohnzimmer so manche Neptunfest-Erinnerung die Runde macht. Anna, Rudi und Marlon – die Enkelkinder, sausen umher. Nur Marius mit gut sieben Monaten fühlt sich bei seiner Mutter Antje (29) auf dem Schoß wohler.

Simone Urbank ist eigentlich eine „Schlef’sche“, zog der Liebe wegen 1989 von Schleife ins Nachbardorf, gründete damals den Heimatverein mit, brachte sich zwölf Jahre als Stellvertreterin ein. „Ich war bei den Organisatoren und Ideengebern immer dabei“, sagt sie und winkt ab. Die Verantwortung hat sie inzwischen abgegeben, aber nicht ihren Einsatzwillen. „Wenn ich an das erste Neptunfest denke, grummelt’s mir heute noch im Magen. Damals hieß es, der Vorstand haftet . . . Gott sei Dank ging alles gut. Und heute ist das auch anders geregelt“, so die 54-Jährige, die mit Leib und Seele an der Bruno-Bürgel-Oberschule in Weißwasser Lehrerin ist. „Was war ich stolz, als ich früher Stars wie Kristina Bach oder Ute Freudenberg beim Neptunfest betreuen durfte.“ Es war die familiäre Atmosphäre unter den Machern, die ihr in all den Jahren sehr gefiel. „Vor allem, als der Kommerz noch nicht im Vordergrund stand“, sagt sie. „Der Weinstand ‚Bretterknaller‘ – das war mein Baby. Und das lasse ich mir auch nicht nehmen.“ In Claudia Marusch hat Simone Urbank eine superverlässliche Partnerin, die sich um vieles kümmere, nicht nur um die Deko, auch zusätzlich um Bowle. Hinzu kommen die Helfer beim Verkaufen der fruchtigen Getränke.

Tochter Andrea Schutza ist als 14-Jährige so richtig aktiv geworden. Sie muss nicht lange überlegen bei der Frage nach den schönsten Erinnerungen: „Das waren die Tänze. Zwei Wochen vorher haben wir im Jugendclub einen Sommerhit ausgesucht, und dann haben wir Mädels mit den Jungs zusammen die Tänze probiert. Das war ein riesiger Gaudi. Wenn ich nur an Dirty Dancing denke. Die Leute waren hin und weg im Festzelt.“ Andrea denkt genauso gern an Folgendes zurück: „Mit Katrin Zuchold hab ich damals die Bastelstraße ins Leben gerufen, und meine kleine Schwester Antje musste helfen.“ Die Eltern unter den Besuchern seien immer dankbar, so Andrea, dass die Kinder versorgt werden. „Es kostet sie ja nichts, dafür haben sie viel Spaß.“

Antje Krautz fügt hinzu: „Das hat sich bis heute nicht geändert.“ Die Jüngere „erbte“ von der Älteren eines Tages die Bastelstraße, als Andrea eine Familie gründete. Inzwischen selbst zweifache Mutter steht für Antje die 14-jährige Leonie Beesdo in den Startlöchern. „Sie hilft mir beim Organisieren der Leute, denn pro Schicht braucht es an der Bastelstraße fünf bis sechs Helfer, die sich um die Kinder kümmern. Und bei der Besetzung macht sich der allgemeine Personalmangel echt bemerkbar.“ Antje traut Leonie zu, dass sie das meistert.

Über das Warum, mit ganzem Herzen immer dabei zu sein, habe sich Antje Krautz nie Gedanken gemacht. „Die Frage hat sich uns einfach nicht gestellt. Wir sind in die Sache reingewachsen.“ Zeltwache, Programm-Mitwirkende, Nixe bei der Taufe, Showtänzerin, Bier- und Weinverkäuferin, Basteltante – „wir waren von Donnerstag bis Montag nur auf den Beinen. Und das war noch so schön“, erzählt Antje. Ihre Geschwister stimmen mit fröhlichem Gesicht zu. Antje Krautz, die am Oberschulzentrum Cottbus Berufsschullehrerin ist, bringt es auf den Punkt: „Halbendorf ist meine Heimat, mein Zuhause, und am schönsten ist das Miteinander. Gerade diese anstrengenden Momente haben uns alle zusammengeschweißt.“ Andrea erinnert sich auch zu gerne daran, als sie mit ihrer Mutter und anderen Helferinnen fürs große Festzelt Deko bastelten wie die Nixe oder den Kraken. „Was hatten wir für einen Spaß bei solchen Sachen.“

Seit Andrea Schutza vor gut fünf Jahren Mutter wurde und nach Schleife zog, tritt auch sie etwas kürzer. „Wenn ich am Weinstand oder an der Bastelstraße helfe, dann kümmert sich mein Mann Ronny um die Kinder.“ Lieber heute als morgen würde das Paar wieder nach Halbendorf ziehen, wo die Familie lebt, wo sie in der Kita Storchennest seit Jahren arbeitet und nun Leiterin ist. Weil das Grundstück neben ihren Eltern im Außenbereich liege, bedauert Andrea, gab es keine Baugenehmigung. „Es wäre echt cool, alle dicht beieinander: Unsere Eltern, Antje wohnt im Haus daneben, und Peter hat jetzt bei Mutti und Vati angebaut.“ Da ist wieder das herzliche Lachen, als Mutter Simone kommentiert: „Wir sind glücklich, dass uns unser Kind aufs Dach steigt. Und mit Andrea wäre die Familie komplett.“

Peter Urbank, mit 27 der Jüngste der drei Geschwister, mischt in Halbendorf mit, seit er zehn war. Mit 14 war er im Jugendclub und eines Tages der jüngste Clubchef seit Generationen. „Ich brenne für Halbendorf. Das ist einfach mein Leben.“ Er sei unheimlich froh, dass seine Freundin dies akzeptiere. „Drei Dinge lasse ich mir nicht nehmen: Halbendorf, Handball und meine Freunde“, aber das musste er bei Lena nie befürchten. Sie fühle sich in Halbendorf genauso wohl, habe hier ihre beste Freundin Anja gefunden.

„Ja, unsere Schwieger-Kinder kommen erst unter die Halbendorf-Lampe“, bemerkt Simone Urbank amüsiert. Und wenn sie sich recht erinnere, sei Halbendorf schon mehrmals Kupplerin in ihrer Familie gewesen: Ronny und Andrea lernten sich hier bei einer Polterhochzeit kennen, Simone und Bernd im Jugendklub, Antje und Sebastian beim Neptunfest.

Gestern startete der Zeltaufbau am See mit Peter Urbank mittenmang. Wie viele andere auch nimmt er dafür alljährlich für das Fest von Mittwoch bis Montag Urlaub von seinem Job als Industriemechaniker im Tagebau Welzow. „Eigentlich bin ich einer, von denen man sagt, wir sind Mädchen für alles. Wir arbeiten mehr im Hintergrund.“ Wenn er nachrechne, „dann ist es das elfte Jahr, dass ich während des Neptunfestes kaum nach Hause komme und deswegen auch im Zelt übernachte. Es gibt einfach zu viel zu tun.“ Es fehle die Generation 16plus, und das bleibt nicht ohne Folgen. Die zur Verfügung stehen, tanzen auf Tausenden Hochzeiten – auch Peter Urbank, der neben vielen Dingen im Vorhinein seit Jahren als einer von Neptuns Häschern Täuflinge einfängt, ebenfalls im Bierwagen am Zapfhahn oder Abwaschbecken steht.

„Wenn dann die Beachhandballer zum Beispiel sagen, es sei toll, was so ein kleines Dorf auf die Beine stellt, dann freut mich das.“

Peter Urbank gefällt der Zusammenhalt von Jung und Alt. Voriges Jahr regnete es wie aus Eimern beim Festzelt-Aufbau. „Dreimal haben wir uns umgezogen und hatten trotzdem jede Menge Spaß. Von 8 bis 80.“ Toll sei genauso, dass der Groß Dübener Jugendclub die Halbendorfer unterstützt. Das klappe richtig gut.

Unterm Strich sind sich die Urbank-Generationen einig, und Peter spricht es aus: „Die viele Arbeit erzeugt keinen Frust, sondern Freude.“

Und wenn das Badewannenrennen am Samstag stattfindet, sind Peter und sein Freund David Peto wieder ein Team. Wie vergangenes Jahr, als sie den Sieg knapp verpassten. Peters Freundin Lena mixt an der Bar mit, bastelt, verkauft Wein wie seine Mutter und Schwester Andrea. „Wer uns fragt, ob wir das und das machen würden, bekommt ein Ja. Wir haben eben einen Sprachfehler, können nicht Nein sagen“, bestätigt Simone Urbank die Dorfmeinung. Ihr Mann Bernd schleppe mit ran, hat oft kassiert. „Ich sorge dafür, dass kein Familienmitglied ohne Aufgabe ist.“ Als Simone das sagt, bricht ein lautes Lachen im Urbankschen Wohnzimmer aus. „Man lacht und heult miteinander im Dorf, und wenn es hart auf hart kommt, sind viele für einen da.“

Eins betont die Familie mit dem Helfersyndrom: „Wir sind weiß Gott nicht die Einzigen, die so sind, und mögen es gar nicht, im Vordergrund zu stehen“, so Junior Peter. Da seien die Beesdos, Rottnicks, Bartschs, Schefflers, Ahrs, Walters … „Und ohne die etwa 50 Halbendorfer mit eigenen Firmen würde eh vieles nicht möglich sein.“

Zum Thema:
Neptuns Party steigt von Freitag bis Sonntag. Für die Jüngsten findet an der Bastelstraße ein Malwettbewerb statt. Neptun kommt Samstag nach dem Badewannenrennen und Sonntag nach der Taufe vorbei und prämiert das schönste Bild. Ansonsten schlägt der Meeresgott schon gewaltig mit den Flossen und freut sich auf die vielen Begegnungen mit Campern, Beachhandballern und den vielen Besuchern von Jung bis Alt beim 31. Neptunfest. Übrigens: Auf die Teilnehmer bei den verschiedenen Wettbewerben warten ebenfalls Preise. Das Programm ist zu finden bei digitalen Beilagen auf www.lr-online.de oder auf der Seite Neptunfest Halbendorf

Gabi Nitsche

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.